Saarkohlenwald – „Waldgebiet des Jahres 2026

Saarkohlenwald – „Waldgebiet des Jahres 2026“ © Kevin Ehm

Saarkohlenwald – „Waldgebiet des Jahres 2026“

Ein ehemaliger Bergbauwald als Zukunftslabor für Naturschutz, urbane Erholung und klimaangepasste Forstwirtschaft

Der Saarkohlenwald nördlich von Saarbrücken steht 2026 bundesweit im Fokus: Der Bund Deutscher Forstleute hat ihn zum „Waldgebiet des Jahres“ gekürt. Doch die Auszeichnung markiert weniger einen Endpunkt als vielmehr einen Ausgangspunkt für eine größere Entwicklung: die Transformation eines Industriereviers zu einer Modellregion nachhaltiger Waldentwicklung.

Ein Wald mit zwei Ebenen

Der Saarkohlenwald ist ein „Zwei-Etagen-Wald“. Unterirdisch liegt ein fossiler Karbonwald – über Millionen Jahre zu Steinkohle gepresst und Grundlage der Industrialisierung des Saarlandes. Oberirdisch entwickelte sich ein Wald, der über Jahrhunderte herrschaftliches Jagdgebiet war, später gezielt zum Industriewald umgebaut. Seine lange Geschichte als Jagdgebiet unter den Fürsten von Nassau-Saarbrücken führte dazu, dass der Wald bis heute weitgehend erhalten geblieben ist. Mit dem Bergbau veränderte sich auch das Waldbild: Ursprüngliche Buchenwälder wurden teilweise gerodet und durch Eichenwälder ersetzt, da Eichenholz für den Bergbaubedarf – insbesondere als Grubenholz – benötigt wurde. Heute kommen auf drei Buchen zwei Eichen. Der Bergbau führte zu großflächigen Eingriffen in den Wald, wie z.B. Rodungen und Landschaftsveränderungen durch Tagebau und Stollenbau.

Der Saarkohlenwald bewahrt Relikte aus verschiedenen historischen Epochen

Von alten Römerstraßen über die Köhlerei mit ihren Holzkohlemeilern und den adeligen Jagdrevieren bis hin zu den Überbleibseln des Industriewaldes des 19. Jahrhunderts. Abraumhalden, aufgelassene Stolleneingänge und Grubengebäude zeugen von den weitreichenden Eingriffen in die Natur. Zudem wurden Bäche verlegt und große Waldflächen gerodet, um Eichenwälder anzulegen.  Trotz dieser Eingriffe hat der Wald jedoch in vielen Bereichen seinen ursprünglichen Charakter bewahrt, vor allem dank der jahrhundertelangen Nutzung als Jagdgebiet, die weniger intensive Eingriffe in die Natur zur Folge hatte. Er weist einen hohen Anteil an Laubholzbeständen auf, diese fördern eine reiche Biodiversität, die für das ökologische Gleichgewicht und die Stabilität von Ökosystemen entscheidend ist. Im Saarkohlewald finden sich dadurch viele seltene und geschützte Arten, die auf die spezifischen Bedingungen dieses Waldes angewiesen sind. Die Tatsache, dass ein großer Teil des Waldes unter dem Natura 2000-Schutzgebiet steht, beweist, dass er als besonders schützenswert anerkannt ist. Natura 2000 ist ein Netzwerk von Schutzgebieten, das in der EU geschaffen wurde, um besonders wertvolle Naturräume und die dort vorkommenden Arten zu erhalten. Der Saarkohlewald profitiert von dieser rechtlichen Schutzmaßnahme, die ihm hilft, seine natürliche Vielfalt zu bewahren und eine langfristige Erhaltung sicherzustellen.

Ohne den Menschen wäre der Saarkohlenwald mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute ein Rotbuchen-Urwald. Schritt für Schritt erobert sich die Natur ihr einst verlorenes Territorium zurück. Diese sukzessiven Prozesse aufzuhalten bzw. zu steuern, gehört zu den Aufgaben der Förster in den Revieren, wobei sie von Seiten des Natur– und Denkmalschutzes fachlich unterstützt werden.

Walderhalt, Naturschutz, Bewahren der Industriekultur und Naherholung in einem urban geprägten Raum.

Der Saarkohlenwald verfolgt einen innovativen Ansatz in der Waldbewirtschaftung, der sich durch die Kombination von drei unterschiedlichen, aber aufeinander abgestimmten Konzepten auszeichnet. Diese Ansätze werden in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen umgesetzt und verfolgen das Ziel, den Wald nachhaltig zu bewirtschaften, die natürlichen Prozesse zu schützen und Erkenntnisse für das zukünftige Waldmanagement zu gewinnen. Dieser integrative Ansatz berücksichtigt nicht nur die ökologischen Bedürfnisse des Waldes, sondern auch die sozialen und ökonomischen Anforderungen. Besonders in Zeiten des Klimawandels wird der Saarkohlenwald als Modellprojekt gesehen, das wertvolle Erkenntnisse für ein klimaangepasstes Waldmanagement liefert. Der Fokus auf die nachhaltige Nutzung und den Schutz der Natur sowie die Berücksichtigung der Klimafolgen stellen sicher, dass der Saarkohlenwald als zukunftsweisendes Beispiel für moderne Forstwirtschaft dient.

Die Konzepte:

Urwaldentwicklung ohne forstliche Eingriffe (seit 1997): Auf einer Fläche von 1.000 Hektar entwickelt sich der Wald vollständig ohne menschliche Eingriffe. Das bundesweiten DBU-Pilot-Projektes „Urwald vor den Toren der Stadt“ fokussiert sich auf den Schutz der ungestörten Natur und dient als Lernort für die Umweltbildung. In diesem Bereich werden natürliche Entwicklungsprozesse beobachtet, ohne dass die Natur durch forstliche Maßnahmen beeinflusst wird. Diese Form der Entwicklung ermöglicht es, einen Wald in seiner ursprünglichen Form zu erleben und gleichzeitig den Einfluss des Menschen auf natürliche Ökosysteme zu minimieren. Das Projekt wird von SaarForst, NABU und dem Ministerium für Umwelt gemeinsam getragen

Prozessschutzorientierte Waldwirtschaft: Auf weiteren 1.000 Hektar wird der Wald mit möglichst wenigen Eingriffen bewirtschaftet, um die natürlichen Prozesse weitgehend ungestört ablaufen zu lassen. Ziel dieses Ansatzes ist es, den Wald in seiner natürlichen Dynamik zu fördern, indem menschliche Eingriffe auf das notwendige Minimum reduziert werden. SaarForst arbeitet hierbei eng mit dem BUND zusammen. Dieser Bereich des Waldes stellt sicher, dass die natürlichen Entwicklungsprozesse und die Biodiversität nicht durch intensive forstwirtschaftliche Eingriffe beeinträchtigt werden.

Naturnahe Bewirtschaftung nach Waldbaurichtlinie: Auf den verbleibenden Flächen des Saarkohlenwaldes wird eine naturnahe Bewirtschaftung durchgeführt. Dabei orientiert sich die Forstwirtschaft an den aktualisierten Waldbaurichtlinien des SaarForst Landesbetriebes, die höchsteökologische Standards gewährleisten. Hier wird der Wald nachhaltig genutzt, wobei ökologische Aspekte wie der Schutz der Biodiversität, der Waldboden und die Förderung der natürlichen Baumarten im Vordergrund stehen.

Die Kombination dieser drei unterschiedlichen Bewirtschaftungsansätze ist besonders, da sie verschiedene Dimensionen der Forstwirtschaft miteinander verbindet: von der vollkommenen Freiheit für natürliche Entwicklungen (Urwald) über eine minimalinvasive Nutzung (prozessschutzorientierte Waldwirtschaft) bis hin zu einer nachhaltig orientierten, naturnahen Bewirtschaftung. Diese differenzierten Methoden ermöglichen es, die Waldbewirtschaftung in einem urbanen Raum auf eine neue Weise zu denken und verschiedene, parallellaufende Konzepte zu testen.

Darüber hinaus spielt die Zusammenarbeit von SaarForst, NABU, dem Ministerium für Umwelt und dem BUND eine entscheidende Rolle, da sie unterschiedliche Perspektiven und Expertisen vereinen, um die beste Lösung für den Wald zu finden. Ein weiterer Aspekt ist die umfassende Öffentlichkeitsarbeit, die das Projekt begleitet und der Bevölkerung hilft, die Bedeutung der verschiedenen Bewirtschaftungsansätze zu verstehen. Das Projekt fördert zudem den Dialog mit der kritischen Öffentlichkeit, um den Waldbewirtschaftungsprozess transparent und bürgerfreundlich zu gestalten.

Den Saarkohlewald entdecken

Heute spiegelt der Saarkohlenwald als Kulturlandschaft den Umgang des Menschen mit der Natur über viele Jahrhunderte hinweg wider. Aus Bergmannspfaden wurden Wanderwege, und Abraumhalden sind heute Ausflugsziele.

Der Urwald vor den Toren der Stadt Saarbrücken gilt als eines der spannendsten Naturschutzprojekte im Südwesten Deutschlands. Nur wenige Minuten von der Innenstadt entfernt liegt hier ein Waldgebiet weitgehend ohne forstwirtschaftliche Nutzung – mit dem Ziel, natürliche Prozesse wieder zuzulassen und erlebbar zu machen. Themenwanderungen und Lehrpfade führen durch unterschiedliche Lebensräume des Waldes. Sie greifen ökologische, historische und kulturelle Aspekte auf und sind für verschiedene Altersgruppen konzipiert.

Ein zentraler Anlaufpunkt ist das NABU-Waldinformationszentrum am Forsthaus Neuhaus. Das Gebäude, das in markanter bionischer Bauweise errichtet wurde, informiert anschaulich über die Besonderheiten des Lebensraums Urwald und die Idee hinter dem Projekt. Darüber hinaus dient das Zentrum als Veranstaltungsort: Vorträge, Lesungen, Workshops und Diskussionsforen prägen das Bildungsprogramm. Wildnis-Camps richten sich vor allem an Jugendliche, die in mehrtägigen Programmen grundlegende Outdoor- und Survivaltechniken kennenlernen und Natur unmittelbar erfahren können.

Urwald vor den Toren der Stadt

Die beiden Premiumwanderwege Urwaldpfad und Wilder Netzbachpfad durchqueren den Urwald vor den Toren der Stadt:

Zur Premiumwanderweg Urwaldtour hier.

Zum Premiumwanderweg Wilder Netzbachpfad hier.

Wanderkarte zum direkten Download hier.

15. Rag Hartfüssler Trail Event: Hartfüßlertrail, 23.08.2026

Bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts erreichten viele Bergleute ihre Arbeitsstätte ausschließlich zu Fuß. Dabei mussten sie lange Strecken über Bergmannspfaden zurücklegen. Jahr für Jahr marschierten sie täglich auf den „schwarzen Wegen“ zu den abgelegenen Gruben. Der Volksmund nannte sie „Hartfüßler“, ein Ehrentitel, der bis heute Bestand hat. Der Hartfüßler Trail soll an diese Zeit erinnern und dieses kulturelle Erbe für die Zukunft bewahren. Unterschiedliche Austragungsorte, Informationen hier.

Interviewpartnerin zum Urwald vor den Toren der Stadt:

Helene Stein ist Urwaldförsterin im einzigartigen Saarkohlewald, nur wenige Minuten von Saarbrücken entfernt. Mit Begeisterung verbindet sie Naturschutz, Waldpädagogik und kulturelle Bildung, um Besucher*innen die Natur erlebbar zu machen. Ihr Arbeitsplatz ist der „Urwald vor den Toren der Stadt“, in dem sich der Wald auf 1.000 Hektar völlig selbst überlassen entwickeln darf. Helene begleitet Gruppen durch den Wald, plant Bildungsprogramme und sorgt für den Erhalt von Artenvielfalt und Naturräumen. Für sie ist der Saarkohlewald mehr als Arbeitsplatz – er ist Lebensraum, Lernort und Inspirationsquelle zugleich.

 

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