Wie bekommt das Gastgewerbe mehr Fachkräfte?

Die AHGZ diskutierte mit DEHOGA-Präsident Guido Zöllick, dem Stellvertretenden NGG-Vorsitzenden Guido Zeitler und Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin des Saarlandes, über den Personalmangel.

Frau Rehlinger, Herr Zöllick, Herr Zeitler, heute geht es vor allem um Gemeinsamkeiten. Sind Sie einig, dass es einen Fachkräftemangel gibt? Die Bundesagentur für Arbeit sieht das bundesweit ja nur im Bereich der Systemgastronomie.

Rehlinger: Fachkräftemangel ist eines der am häufigsten genannten Themen, wenn ich unterwegs bin. Er ist zwar regional unterschiedlich ausgeprägt, aber es ist zu befürchten, dass er zu einer Wachstumsbremse werden könnte.
Zöllick: Die Umfragen bei den Kollegen zeigen, dass sie das als eines der schwierigsten Problemfelder ansehen. Es geht inzwischen darum, ob wir das Leistungsspektrum aufrechterhalten können. Schon jetzt werden Öffnungszeiten reduziert und Angebote eingeschränkt.
Zeitler: Wir sehen ebenfalls einen Fachkräftemangel. Dafür gibt es verschiedene Ursachen, von denen die meisten hausgemacht sind, zum Beispiel die Entlohnung. Das durchschnittliche Tarifeinkommen der Fachkräfte in der Branche liegt monatlich unter 2000 Euro, brutto wohlgemerkt. Da gibt es einen riesigen Nachholbedarf.

Die Wirtschaftsministerkonferenz regt eine Tariföffnungsklausel im Arbeitszeitgesetz an, um die EU-Arbeitszeitrichtlinie und Arbeitsschutzinteressen auf einen Nenner zu bringen. Ist das ein gangbarer Weg?

Rehlinger: Eine Tariföffnungsklausel ist ein Weg. Über die Inhalte müssen die Tarifpartner sprechen, da hält sich die Politik erst einmal raus. Letztlich ist es Sinn und Zweck, dass diese Fragen im Lichte der konkreten betrieblichen Praxis behandelt werden.
Zöllick: Ich bin der festen Überzeugung, dass Experimentierräume der völlig falsche Weg sind. Die Branche ist kleinteilig, viele Betriebe haben nur fünf bis zehn Mitarbeiter und keine Arbeitnehmervertretung. Unsere Betriebe brauchen eine Flexibilisierung im Sinne der EU-Arbeitszeitrichtlinie. Der Bürger ist mündig geworden, man kann ihm die Essenszeiten nicht vorschreiben und unsere Betriebe leben von diesem Service. Aber es kommt auch den Beschäftigten entgegen, wenn sie mehr Spielraum haben. Es geht nicht um eine Erhöhung der Gesamtarbeitszeit.
Zeitler: In den Tarifverträgen gibt es schon ausreichend Regelungen, die Flexibilisierung ermöglichen könnten. Sie werden aber zu wenig genutzt. Die Spielregeln reichen also aus: Entscheidend ist die richtige Planung von Arbeitszeiten. Hinzu kommt , dass nur noch 30 Prozent der Beschäftigten in Betrieben arbeiten, die tarifgebunden sind. Diejenigen im Gastgewerbe Beschäftigten, die sagen, sie wollen 13 oder 14 Stunden täglich arbeiten, die habe ich noch nicht kennengelernt.

Es gibt nun eine Initiative aus Baden-Württemberg zur Flexibilisierung der Arbeitszeit. Welche Chancen hat die?

Rehlinger: Ich kann nicht absehen, ob es eine Mehrheit gibt, aber da wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Ich habe Verständnis, dass die Branche eine Notwendigkeit der Flexibilisierung sieht. Wir diskutieren aber unter dem Stichwort, dass wir die Branche attraktiver machen wollen. Da ist das nicht unbedingt ein gutes Signal.
Zöllick: Wir sollten dabei nicht vergessen, dass das Gastgewerbe ein absoluter Jobmotor ist und wir seit drei Jahren stabil über einer Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigte liegen. In den vergangenen zehn Jahren haben wir mehr als 300.000 sozialversicherungspflichtige Stellen geschaffen. Wir sind doch nicht alle irre, wenn wir in dieser Branche arbeiten.

Die Wirtschaftsminister haben angeregt zu prüfen, ob Wohnraum und Verpflegung, die Arbeitgeber den Azubis zur Verfügung stellen, von Abgaben befreit werden. Bayern fordert das im Bundesrat. Das Bundeswirtschaftsministerium hat angedeutet, dass Azubis um 84 Euro monatlich entlastet werden könnten.

Rehlinger: Da steht bald eine Abstimmung im Bundesrat an. Ich habe große Sympathien dafür.
Frau Rehlinger, das Gastgewerbe ist nicht die einzige Branche mit Fachkräftemangel. Wie gehen andere Branchen mit dem Thema um?
Rehlinger: Wir haben es mit einem breiten Fachkräftemangel über eine Vielzahl von Berufen zu tun. Ich nenne das Stichwort Pflege. Dort wird sehr intensiv daran gearbeitet, den Beruf attraktiver zu machen. Es geht um eine gerechte Entlohnung, aber auch um verlässliche Arbeitszeiten. Da sind die Pflegeberufe vielleicht schon weiter.

Damit sind wir bei der Imagekampagne, die im Papier gefordert wird. Was kann damit erreicht werden?

Rehlinger: Wenn man ein Produkt bewerben will, muss man die positiven Eigenschaften herausarbeiten und das nicht nur bei einigen wenigen Vorzeigebetrieben. Es geht um glaubwürdige Aussagen. Man muss dafür sorgen, dass das Image, das man verkaufen will, auch da ist. Allein das Aufhängen von Großflächenplakaten wird uns nicht helfen.
Zöllick: Wir wollen das positive Bild der Branche in der Öffentlichkeit steigern. Intern müssen wir Dinge benennen, die nicht funktionieren, die positiven Beispiele müssen breit dargestellt werden. Ich halte zurzeit aber nicht viel von einer Imagekampagne, es geht mehr um eine bessere Kommunikation.
Zeitler: Für uns gilt: Tue Gutes und rede darüber. In dieser Reihenfolge. Wir werden im Klein-Klein nicht weiterkommen, sondern müssen aufhören, etwas schönzureden, das nicht schön ist. Allerdings ist die Branche sehr viel differenzierter, und es gibt viele Unternehmen, die zu einem positiven Bild beitragen. Pauschale Urteile helfen wenig. Wir müssen aufeinander zugehen.

Es ist nicht das erste Papier zum Fachkräftemangel. Schon 2011 hat die Bundesagentur für Arbeit in einem 10-Punkte-Plan konkrete Maßnahmen gegen den drohenden Fachkräftemangel vorgeschlagen. Das größte Potenzial sah die BA-Spitze in einer stärkeren Erwerbstätigkeit von Älteren und Frauen. Auch die Abbrecherquoten in Schule, Ausbildung und Studium müssten verringert werden, heißt es in der Studie „Perspektive 2025 – Fachkräfte für Deutschland“. Was ist damit geschehen?

Rehlinger: Natürlich gibt es Gott sei Dank eine breite Befassung mit den Fragen. Unterschiedlichste Institutionen haben das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Allen Papieren gemeinsam ist, dass es zwingend notwendig ist, die Potenziale auszunutzen, und dass wir auf Zuwanderung angewiesen sein werden.

Ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz bleibt im aktuellen Papier der Wirtschaftsminister ausgespart. Warum?

Rehlinger: Wir hätten eventuell keinen Konsens in dieser Frage erzielen können. Wir wollten erst einmal das machen, worin Einigkeit besteht. Deutschland ist ein Einwanderungsland und es wird ein Einwanderungsgesetz geben. Jetzt geht es darum, die Zuwanderung so zu steuern, wie es für die Wirtschaft passend und zuträglich ist in Abgrenzung zum Asylrecht.

In dieser Runde zeichnen sich schon Gemeinsamkeiten ab: Alle sehen einen Fachkräftemangel, wollen eine Entlastung für Sachleistungen, auch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wird kommen und bei der Imagekampagne sind die Meinungen auch nicht unüberbrückbar.

Rehlinger: Wir sind uns vor allem auch darin einig, dass niemand die positive Entwicklung im Bereich des Tourismus stoppen will. Auch bei der Bedeutung der Ausbildung stimmen wir überein. Das Verfahren sollte möglichst schnell abgeschlossen werden.

Über die Modernisierung der Berufe wird bereits seit fünf Jahren diskutiert.

Zöllick: Wir sind jetzt soweit, dass wir die Rahmenbedingungen abgestimmt und darin Einigung erzielt haben.
Zeitler: Ich gehe davon aus, dass wir für die inhaltliche Ausgestaltung noch zwei Jahre brauchen und dann in die Umsetzung gehen. Aber die Ausbildungsordnung ist im Hinblick auf den Fachkräftemangel nicht das zentrale Problem. Wir können auch mit der aktuellen Ausbildungsordnung gut ausbilden.

Die Zahl der Azubis ist von einstmals 107.000 auf nur noch 53.000 gesunken. Ist die Branche Schuld daran oder sind die jungen Leute nicht mehr ausbildungsfähig?

Rehlinger: Der Umgang mit Jugendlichen ist möglicherweise schwieriger geworden. Aber wenn es heißt, sie sind quasi nicht ausbildungsfähig und wir nehmen sie nicht, dann sage ich, das ist aber schade, denn wir haben keine anderen.

Herr Zöllick, für dieses Jahr wird ein weiteres Erfolgsjahr vorhergesagt. Müssen die Betriebe mehr an ihre Beschäftigten abgeben?

Zöllick: Das geschieht schon. Die Mitarbeiter haben in den Tarifverträgen einen deutlichen Zuwachs im Verdienst verzeichnet. Dann gibt es Zusatzleistungen vom Handy bis zum Auto, das war so noch nie dagewesen.
Zeitler: Natürlich gibt es Beispiele, dass Unternehmen übertarifliche Leistungen zahlen. Aber das sind eher die größeren oder Ketten. In der Breite ist das so nicht vorzufinden.

Herr Zeitler, Sie sollen auf dem NGG-Gewerkschaftstag im November zum Bundesvorsitzenden gewählt werden. Werden Sie neue Akzente setzen und bleiben Sie für das Gastgewerbe zuständig?

Zeitler: Der Gewerkschaftstag diskutiert in Leipzig fünf Tage und entscheidet über 120 Anträge, bestimmt unseren künftigen Kurs und die Arbeitsschwerpunkte der nächsten fünf Jahre und wählt den neuen Vorstand. Dieser neue geschäftsführende Vorstand wird nach der Wahl dann die über Geschäftsverteilung entscheiden.

Exklusiv-Interview: (von links) Präsident des DEHOGA-Bundesverbands Guido Zöllick, Wirtschaftsministerin des Saarlandes Anke Rehlinger (SPD), Stellvertretender Vorsitzender der NGG Guido Zeitler und AHGZ-Chefredakteur Rolf Westermann.

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